„Geht von allein weg“ – Irrtümer und Mythen rund um das Thema Depression

Die 7 häufigsten Falschaussagen über Depressionen

Rund vier Millionen Menschen leiden hierzulande unter Depressionen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO ist jeder Zehnte rund um den Globus betroffen. Über die entscheidenden Ursachen der Schwermut sind sich die Forscher im Detail noch nicht ganz einig. Der wesentliche Grund dafür liegt in der Komplexität unseres Gehirns. „Mit seinen rund 100 Milliarden Neuronen ist es bis heute weitgehend ein wissenschaftliches Rätsel“, weiß Dr. Friedrich Straub, Chefarzt der Schlossparkklinik Dirmstein. Für noch mehr Verwirrung sorgen viele Mythen und Irr-Meinungen zum Thema Trübsinn. Hier einige der hartnäckigsten „Falschaussagen“:

1. Ein frohes Gemüt schützt vor Depressionen

Ob „rheinische Frohnatur“ oder tiefsinniger Grübler – vor Depressionen ist niemand gefeilt. „Einen sicheren Schutz davor gibt es nicht“, betont Dr. Straub. „Allerdings lassen sich die Risiken durch ein funktionierendes soziales Netzwerk mit vielen guten Freunden sowie abwechslungsreichen Hobbys senken.“ Sport und viel Bewegung an der frischen Luft können regelrecht antidepressiv wirken. Und auch ausreichende Entspannung wirkt einem Stimmungstief entgegen. „Hohe Leistungsorientierung oder der Hang zum Perfektionismus können hingegen das Depressions-Risiko erhöhen“, warnt der Experte.

2. Depression ist keine Krankheit

„Im Gegenteil, Depressionen sind eine Volkskrankheit, deren Schwere sehr häufig unterschätzt wird“, stellt Dr. Straub klar. „Im Gegensatz zu Verstimmungen, unter denen viele Menschen vor allem in der trüben Jahreszeit leiden, können Depressionen Monate und Jahre andauern“, erläutert der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie. Typisch sind tiefe Trauer, Antriebs- und Hoffnungslosigkeit sowie weitere belastende Beschwerden. Kommt es zu einem extremen Wechsel zwischen depressiven Phasen und Hochgefühlen, so steckt dahinter eventuell eine Bipolare Störung. Aufgrund des heftigen Auf und Abs der Gefühle wurde dieses Leiden früher auch als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet.

3. Nur sensible Menschen leiden unter Depressionen

Depressionen erleiden keineswegs nur besonders sensible oder labile Menschen. Treffen kann es jeden – Kinder ebenso wie alte Menschen. „Man geht davon aus, dass jeder Fünfte in seinem Leben einmal von einer Depression betroffen ist“, erklärt Dr. Straub. „Bei Männern sind es etwa zehn, bei Frauen um die 25 Prozent.“ Sicher ist, dass nicht nur die genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Vielmehr ist das Zusammenspiel bzw. die Wechselwirkung biologischer Faktoren wie Hirnstoffwechselstörungen und psychosozialer Momente wie beispielsweise Jobverlust oder private Trennung entscheidend. Besonders hoch ist das Risiko, an einer Depression zu erkranken, bei Menschen mit körperlichen Leiden.

4. Depressionen äußern sich nur psychisch

Typische Symptome sind unter anderem Niedergeschlagenheit und Trauer, Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwäche. Doch auch körperlich bringt diese psychische Störung nicht selten erhebliche Probleme mit sich. „Manchmal verbergen sich hinter Magen- oder Darmbeschwerden, Schwindel sowie Kopf- und Rückenschmerzen starke Depressionen“, so Dr. Straub.

5. Depressionen sind stets die Folge schwerer Schicksalsschläge

Tatsache ist, dass der Erkrankung oft sehr belastende Ereignisse vorausgehen. Das können der Tod des Ehepartners oder die berufliche Kündigung sein. „Doch es ist längst nicht immer der schwere Schicksalsschlag, der uns in ein tiefes Loch fallen lässt“, gibt der Facharzt zu Bedenken. „Auch chronische Überforderungen im Job, kleinere Veränderungen in Beruf oder Familie können Auslöser einer Depression sein.“

6. Antidepressiva verändern die Persönlichkeit

In der Regel umfasst die Behandlung einer mittleren bis starken Depression neben der psychotherapeutischen Unterstützung auch Psychopharmaka, auch Antidepressiva genannt. Diese machen – entgegen vieler Mutmaßungen – nicht abhängig und verändern auch nicht die Persönlichkeit. Eigentlich ist es eher umgekehrt: Dank der Medikamente lässt sich das chemische Gleichgewicht im Gehirn wieder herstellen. Im optimalen Fall ist der Patient anschließend symptomfrei.

7. Depressionen gehen von alleine wieder

Das ist natürlich der Wunsch vieler Betroffener. Doch unbehandelt vergehen Depressionen nicht von alleine. Deshalb sollte spätestens 14 Tage nach Beginn der depressiven Verstimmungen der Hausarzt aufgesucht werden. Dieser kann beurteilen, ob psychologische Hilfe erforderlich ist. Eine therapeutische Behandlung dauert oft Monate. Doch es lohnt sich: „Je früher die Behandlung beginnt, desto schneller und effektiver können die Beschwerden in der Regel behoben werden“, so Dr. Straub. Es komme wieder zu mehr Lebensfreude und psychischer Stabilität. Wiederholungen der depressiven Phasen seien aber nicht ausgeschlossen, so der Mediziner.

8 Kommentare

  1. Die Aussage Antidepressiva würden keine Entzugserscheinungen hervorrufen ist schlicht weg falsch.

  2. Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, vielen Dank für Ihre berechtigte Anmerkung. Beim plötzlichen Absetzen von Antidepressiva können sogenannte Absetzerscheinungen auftreten: z.B. grippeähnliche Symptome, Übelkeit oder Schwindel. Diese gleichen durchaus dem, was umgangssprachlich unter Entzugserscheinungen verstanden wird, haben jedoch nichts mit einer möglichen Abhängigkeit zu tun. Absetzeffekte können zudem durch das ärztlich begleitete, sogenannte Ausschleichen vermieden werden. In Kürze wird ein Artikel in unserem Magazin dazu erscheinen, der die Risiken und Nebenwirkungen sowohl von Psychotherapie als auch von Pharmakotherapie beleuchtet. Bleiben Sie uns gewogen! Beste Grüße, Ihr Schlossparkklinik-Team

  3. „Verändern nicht die Persönlichkeit“ – Ich verstehe, was gemeint ist. Allerdings kommt es sehr darauf an, was man unter „Persönlichkeit“ versteht. Antidepressiva hellen die Stimmung auf und steigern den Antrieb. Man könnte wohl auch sagen, sie machen glücklich(er). Für mich ist das klar eine Persönlichkeitsveränderung. Natürlich verändern andere Mittel, wie zB Alkohol (enthemmend, angstlösend) in diesem Sinne auch die Persönlichkeit, ganz klar. Und es ist auch klar, dass gewisse Persönlichkeitsmerkmale sicherlich nicht geändert werden (Interessen, Intro/Extravertiertheit, etc). Ich finde, die Kommunikation sollte offener sein, weil vor allem auch solche ungenauen pauschalen Aussagen („verändern nicht die Persönlichkeit“) das Misstrauen Vieler in Antidepressiva und die Psychiatrie generell noch steigern.

  4. Liebe*r Leser*in,

    wir geben Ihnen vollkommen recht darin, dass die meisten von uns eine veränderte Grundgestimmtheit in die Persönlichkeit reinzählen würden. Jedoch sprechen wir in dem Artikel von klinischen Definitionen und nicht zu vergessen: Die Depression verändert die Betroffenen ja ebenso einschneidend in ihrer Gestimmtheit. Durch eine Psychotherapie (die ja auch neurologische Veränderungen bewirkt) und eine eventuelle ergänzende Pharmakotherapie bilden sich diese symptomatischen Wesensveränderungen wieder zurück. Dennoch möchten wir, wie Sie richtig sagen, transparent über Nebenwirkungen und Risiken des Medikamenteneinsatzes sprechen, um Ängste abzubauen und Betroffenen informierte Entscheidungen zu ermöglichen. Wir haben dazu eine dreiteilige Reihe in unserem Blog veröffentlicht:

    https://www.schlosspark-klinik-dirmstein.de/psychotherapie-oder-medikamente/
    https://www.schlosspark-klinik-dirmstein.de/nebenwirkungen-psychotherapie/
    https://www.schlosspark-klinik-dirmstein.de/nebenwirkungen-psychopharmaka/

    Bleiben Sie uns gewogen und ganz herzlichen Dank für Ihr Feedback!

    Ihr Team der Schlossparkklinik Dirmstein

  5. Der Gedanke an eine mögliche Medikamentöse Behandlung bereitet mir Sorgen.

    Gewichtszunahme wäre für mich unerträglich, vielleicht gibt es dann noch ein zusätzliches Mittel das ich dennoch Glücksgefühle habe. Der mögliche Verlust von Zahnimplantaten stört damit auch nicht mehr. Eine reduzierte Libido wären dann sogar hilfreich um sich nicht mit Zurückweisungen auseinanderzusetzen zu müssen.

    Es sind vielleicht Vorurteile, die mich sehr beschäftigen und verängstigen.
    Das Relativieren der Gefahren verunsichert mich mehr als die Gefahr ansicht!

  6. Lieber Leser,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Es ist aus Patientensicht nachvollziehbar, gegenüber dem Einsatz von Psychopharmaka Vorbehalte oder Ängste zu hegen. Dass es zu unerwünschten Wirkungen kommen kann, ist unstrittig. Wir haben hierzu auch einen Artikel veröffentlicht: https://www.schlosspark-klinik-dirmstein.de/nebenwirkungen-psychopharmaka/. Erfreulicherweise wird kontinuierlich an der (Weiter-)Entwicklung von Medikamenten gearbeitet und so gibt es neue Wirkstoffe und Präparate, die zum Beispiel ein geringeres Risiko einer Gewichtszunahme mit sich bringen. Ihr Facharzt bzw. Ihre Fachärztin in einem Gespräch mit Ihnen sicherlich am besten auf Ihre persönlichen Bedenken eingehen können und sich mit Ihnen darüber beraten, ob eine medikamentöse Behandlung unter Berücksichtigung Ihrer Wünsche überhaupt notwendig ist.

    Ihnen alles Gute! Bleiben Sie uns gewogen.

    Ihr Team der Schlossparkklinik Dirmstein

  7. Dass psychopharmaka nicht abhängig machen ist schlichtweg falsch. Der Psychotherapeut meines Freundes hat selbst beim verschreiben der letzten Tabletten gesagt dass sie stark abhängig machen bei einer Abnahme ab 4 Wochen und nicht länger genommen werden dürfen.

  8. Lieber Leser, liebe Leserin,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Ohne zu wissen, um welche Tabletten es sich handelt, können wir hierzu keine Aussage treffen. Bei starken Schlafstörungen, wie sie auch bei Depressionen vorkommen können, ist es zum Beispiel durchaus möglich, dass die Gabe entsprechender Medikamente indiziert ist, die (je nach Mittel) durchaus zur Abhängigkeit führen können. Auch Stoffe wie Diazepam bergen dieses Risiko. Gerade deswegen werden derlei Medikamente in der am niedrigsten möglichen Dosis über einen streng abgesteckten Zeitraum gegeben. Doch weder ist Gabe gerade solcher Medikamente – wegen besagter Risiken – die Regel, noch machen Psychopharmaka per se abhängig. Der Großteil der Patienten, der aufgrund von Depressionen und Angststörungen z.B. mit Antidepressiva behandelt wird, muss keine Angst vor einer suchterzeugenden Wirkung haben. In diesem Artikel setzen wir uns etwas detaillierter mit Nebenwirkungen von Psychopharmaka auseinander: https://www.schlosspark-klinik-dirmstein.de/nebenwirkungen-psychopharmaka/.

    Ihnen und Ihrem Freund alles Gute!

    Ihr Team der Schlossparkklinik Dirmstein

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