Soziale Phobie: Wenn die Angst vor Menschen den Alltag beherrscht

19 Jul 2022
Archiv durchstöbern nach Juli 19, 2022
AUTOR
Schlossparkklinik Dirmstein
0

Keine Kommentare

Jetzt kommentieren
veröffentlicht in

Angststörungen

gekennzeichnet mit

, , ,

Teilen

Eine soziale Phobie wird häufig als Schüchternheit missverstanden. Tatsächlich sind krankhafte soziale Ängste jedoch keineswegs harmlos, sondern können weitreichende Auswirkungen auf das private, soziale und berufliche Leben nach sich ziehen. Auch wenn viele Betroffene ihr Leiden als persönlichen Makel erleben: Eine Sozialphobie lässt sich behandeln! Das setzt freilich voraus, dass Sie über Ihren Schatten springen und sich einem Arzt, einer Ärztin oder Psychotherapeutin anvertrauen.

Nicht wenige Menschen bezeichnen sich selbst als schüchtern: Sie fühlen sich im Kontakt mit fremden Menschen unsicher oder verlegen und brauchen etwas Zeit, um mit ihrem Gegenüber „warm zu werden“. Trotzdem können sie sich auf Beziehungen und Freundschaften einlassen und legen dann auch ihre anfängliche Zurückhaltung ab. Schüchternheit ist keine Krankheit! Wenn sich das kurzfristige Unbehagen jedoch zu einer massiven, unkontrollierbaren Angst steigert und wenn man sich aus diesem Leidensdruck heraus immer mehr zurückzieht, dann kann es sich um eine soziale Phobie handeln.

Nach der Internationalen Klassifikation psychischer Krankheiten der WHO (ICD-10) zählt die soziale Phobie zu den Angststörungen und nimmt dort eine eigene Kategorie ein (F 40.1). Man bezeichnet sie auch als „soziale Angststörung“. Ihr Kernsymptom ist die Furcht vor Situationen, in denen man im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Aus Angst, sich peinlich oder sonderbar zu verhalten und von anderen negativ bewertet zu werden, vermeiden Betroffene diese Situationen oft oder ertragen sie nur unter massiven inneren Spannungen.

Wie häufig ist eine Sozialphobie?

Die soziale Phobie zählt zu den häufigsten psychischen Erkrankungen: Je nachdem, wie streng man die Diagnosekriterien ansetzt, sollen zwischen zwei und 14 Prozent aller Menschen davon betroffen sein. Normalerweise beginnt die Erkrankung bereits im Jugendalter und kann sich unbehandelt zu einem chronischen Leiden entwickeln. Auffällig ist, dass Frauen vielen Erhebungen zufolge deutlich häufiger betroffen sind als Männer.

Welche Symptome hat die soziale Angststörung?

Bei einer sozialen Angststörung kommen Symptome wie Schweißausbrüche und Herzrasen vor.

Menschen mit Sozialphobie fürchten sich vor Ablehnung und Kritik. Bei einigen beschränkt sich diese Angst auf Situationen mit Leistungscharakter – wie Prüfungen, Gespräche mit Vorgesetzten oder auch Kontakte zu Personen des begehrten Geschlechts. Vielen Betroffenen bereiten aber selbst alltägliche Begegnungen mit Kollegen, Bekannten oder Nachbarn große Schwierigkeiten. Die Befürchtungen beziehen sich meist darauf, sich ungeschickt zu verhalten, sich zu blamieren, in Gesprächen etwas Falsches zu sagen oder umgekehrt nicht zu wissen, worüber man reden soll. Eine große Sorge ist auch, dass andere die eigene Angst und Unsicherheit bemerken.

Bei vielen – nicht allen – Betroffenen treten zusätzlich sehr belastende körperliche Angstsymptome wie Schweißausbrüche, Herzklopfen, Erröten, Händezittern oder Schwindelgefühle bis hin zu Panikattacken auf. Diese körperlichen Symptome verursachen ihrerseits Stress, weil Betroffene befürchten, dadurch erst recht unangenehm aufzufallen.

Welche Auswirkungen hat eine soziale Phobie?

Unbehandelt setzt eine soziale Phobie häufig eine Negativspirale aus Vermeidung, fehlenden Lernerfahrungen und verstärkten Ängsten in Gang. Das gilt sowohl für den privaten als auch den beruflichen Bereich. Schon alltägliche Situationen im Berufsleben – wie Meetings oder Kundentelefonate – verlangen Menschen mit sozialen Ängsten enorme Kräfte ab. Sozialphobiker sollen folglich bis zu dreimal häufiger als Gesunde von Arbeitslosigkeit betroffen sein, was zusätzlich sozial stigmatisierend wirkt. Ist das Leben durch Rückzug, Isolation und subjektiv erlebte Misserfolge geprägt, dann stellen sich häufig Depressionen ein. Manche Betroffene versuchen, ihre Ängste mit Alkohol oder anderen Drogen zu betäuben, und geraten dadurch in eine Abhängigkeit.

Ist man mit Sozialphobie beziehungsunfähig?

Eine große Sorge vieler Menschen mit Sozialphobie ist es, beziehungsunfähig zu sein. Tatsächlich hat eine Umfrage des Verbands der Selbsthilfe Soziale Phobie (VSSP) ergeben, dass fast die Hälfte der betroffenen Männer (47 Prozent) und rund ein Viertel der Frauen (24 Prozent) noch nie eine Beziehung geführt hat. Das Tragische daran ist, dass sich Menschen mit sozialer Angststörung oft ebenso sehr nach Zuwendung und Geborgenheit sehnen, wie sie sich vor einer möglichen Zurückweisung fürchten. Dieses Spannungsverhältnis kann enormes Leid verursachen!

Doch auch wenn soziale Ängste die Partnersuche erschweren, ist man mit einer Sozialphobie nicht beziehungsunfähig: Viele Betroffene sind durchaus fähig, eine stabile Partnerschaft zu führen, wenn sie einmal die erste Hürde des Kennenlernens überwunden haben. Die größte Herausforderung ist dabei, sich einem möglichen Partner gegenüber mit allen vermeintlichen Unzulänglichkeiten – auch mit den sozialen Ängsten – zu zeigen.

Wegen einer Sozialphobie beziehungsunfähig zu sein, ist eine häufige Befürchtung

Wie wird eine soziale Phobie behandelt?

Auch wenn Betroffene die soziale Phobie oft als persönliche Schwäche erleben, handelt es sich um eine Erkrankung, die behandelt werden kann und sollte! Studien zufolge zeigen sowohl kognitive Verhaltenstherapien als auch psychodynamische Therapieformen bei Sozialphobie eine gute Wirkung. Ergänzend sind manchmal Stimmungsaufheller (Antidepressiva) sinnvoll – insbesondere, wenn zugleich eine Depression besteht.

In den meisten Fällen lässt sich eine soziale Angststörung ambulant behandeln. Wenn jedoch sehr großer Leidensdruck besteht oder weitere Erkrankungen wie Depressionen hinzukommen, raten Ärzte manchmal zu einem stationären Aufenthalt in einer Klinik. Wir wissen, dass das für Menschen mit Sozialphobie eine große Herausforderung darstellt – schließlich bietet der Klinikalltag wenig Möglichkeiten zum Rückzug. Zugleich möchten wir Sie ermutigen, den stationären Aufenthalt als Chance zu betrachten: Sie erhalten die Gelegenheit, sich Ihren Ängsten in einer geschützten Umgebung zu stellen und dabei neue, korrigierende Erfahrungen zu machen. Auch bei einer ambulanten Einzeltherapie ist es oft sinnvoll, sich durch eine begleitende Gruppentherapie oder Selbsthilfegruppe ganz praktisch mit seinen sozialen Ängsten zu konfrontieren.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.