Der Boreout – wenn Unterforderung und Langeweile krank machen

31 Mai 2018
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Schlossparkklinik Dirmstein
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Ein Interview mit Dr. Bracher: Boreout

Burnout ist zur Volkskrankheit der modernen Arbeitswelt geworden. Doch nicht nur Überforderung wird zunehmend zum Problem – auch ständige Unterforderung und Langeweile können krank machen und zum Boreout führen. Wie es dazu kommt, wer vielfach betroffen ist und was dagegen helfen kann, erklärt Dr. Thorsten Bracher, Chefarzt der Schlossparkklinik Dirmstein.

Herr Dr. Bracher, was ist eigentlich ein Boreout?
Sind beim Burnout vor allem Faktoren wie die zunehmende Arbeitsverdichtung und ständiger Leistungs- und Zeitdruck das Problem, so ist es beim Boreout im Grunde genommen das Gegenteil: Tag für Tag wenig (Sinnvolles) zu tun zu haben, keine Verantwortung zu tragen und sich unterfordert zu fühlen, kann auf Dauer zu Frust, Motivationsstau und schließlich zum Boreout führen. Dieser Begriff basiert auf dem Englischen     „boredom“, was übersetzt soviel wie „Langeweile“ heißt, und bezeichnet das Syndrom des „Ausgelangweilt-Seins“.

Wenig Arbeit und keine Überforderungen – das klingt für viele eher wie ein Traumjob …
Sicher ist mancher Arbeitnehmer anfangs über ein überschaubares Arbeitsaufkommen erfreut. Doch auf Dauer können sich Unterforderung,   Monotonie und Langeweile physisch und psychisch negativ auswirken. Wer keine Herausforderungen und Erfolgserlebnisse erfährt und wenig Sinn in seiner Tätigkeit sieht, für den wird der Arbeitstag oft quälend lang. Das Selbstwertgefühl leidet. Außerdem werden die natürlichen Belohnungsmechanismen des Gehirns permanent außer Kraft gesetzt.

Leiden wirklich so viele Menschen beruflich unter Unterforderung und Langeweile, wie oft zu lesen ist?
Bei einem Boreout handelt es sich um ein relativ neues Krankheitsbild, das bisher noch nicht offiziell anerkannt ist. Studien zur Häufigkeit des Auftretens liegen noch nicht vor. Aber laut einer Umfrage der Deutschen Universität für Weiterbildung in Berlin fühlen sich elf Prozent der Erwerbstätigen beruflich unterfordert. Und die Umfrage einer Krankenkasse ergab vor zwei Jahren, dass sich knapp ein Viertel der befragten Arbeitnehmer durch Langeweile gestresst fühlen. Außerdem ist die Dunkelziffer hierbei wahrscheinlich relativ hoch: Wer gibt gerne zu, dass er sich im Job langweilt und kaum etwas zu tun hat. Viele versuchen ein gegenteiliges Bild zu erzeugen und täuschen Tag für Tag ihr Beschäftigtsein nur vor.

Was sind typische Symptome eines Boreouts?
Die Symptome ähneln dem eines Burnouts: Neben dem körperlichen und geistigen Erschöpfungszustand werden Schmerzen, Schlafstörungen oder Depressionen als Folge eines Boreouts vermutet. Anzeichen dafür sind auch   Resignation und Antriebslosigkeit. Doch die medizinischen Erkenntnisse halten sich zur Zeit noch sehr in Grenzen, vieles muss noch erforscht werden.

Wer ist besonders häufig betroffen?
Vielfach betroffen sind generell Mitarbeiter in Verwaltungen und Büros. Nicht selten verlieren sie durch spezielle Software und Computersysteme einen erheblichen Teil ihrer Aufgaben – und leiden unter ihrer vermeintlichen „Nutzlosigkeit“. In manchen Fällen werden Mitarbeiter aber auch bewusst durch „verordnetes Nichtstun“ ausgegrenzt und somit gemobbt. Oft fühlen sich Arbeitnehmer auch durch Tätigkeiten, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen, unterfordert. Insbesondere leistungsorientierte Menschen kommen sich in diesen Fällen wertlos vor, verfallen – ähnlich wie beim Burnout – in Depressionen und Resignation

Inwiefern spielen die Arbeitsbedingungen eine Rolle?
Aufgrund immer restriktiverer Richtlinien und Kontrollen wird der Handlungsspielraum für den Einzelnen vielfach immer geringer. Gut ist es natürlich, wenn der Arbeitnehmer seine täglichen Arbeitsabläufe nach dem tatsächlichen Arbeitsaufkommen ausrichten und individuell gestalten kann. Das motiviert und vermeidet Monotonie.

Wann ist professionelle Hilfe erforderlich?
Bereitet das Boreout deutliches Leiden, so sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. 

Was kann ich als Betroffener tun?
Statt so zu tun als wäre das Arbeitsaufkommen ausreichend, besser mit dem Vorgesetzten sprechen – auch wenn es vielen schwer fallen mag, das Problem zu thematisieren. Bitten Sie ihn um verantwortungsvollere Aufgaben und qualifizieren Sie sich beruflich weiter. Sinnvoll ist es auch, in der Freizeit aktiv zu werden und so einen Ausgleich zu schaffen. Das hilft aber oft leider nur in der Anfangsphase. Auf jeden Fall sind Entspannungsübungen wie Yoga oder Progressive Muskelrelaxation empfehlenswert.

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