Angehörige brauchen Geduld und Hilfe

Angehörige brauchen Geduld und Hilfe

Genervt verdrehte Erich die Augen. "Musst Du da immer noch hin? Kannst Du das nicht mal ausfallen lassen? Es geht Dir doch wieder gut. Und der Geburtstag ist doch nur heute" Sonja zog die Augenbrauen hoch. "Dass ich wieder im Alltag 'funktioniere' heißt noch nicht, dass alles wieder okay ist. Zumal von Dir im Moment nicht gerade viel Unterstützung kommt. Wenn es nach Dir geht, soll alles wieder so laufen wie vorher. Doch das mache ich nicht mehr. Dann musst Du halt allein zum Geburtstag fahren. Wenn ich Lust kriege, komme ich später nach. Allerdings nur, wenn ich Lust habe - und gerade habe ich keine!"
Erich schüttelte den Kopf. "Du könntest mitkommen, wenn Du wolltest." brummte er vor sich hin. "Genauso wie beim letzten Mal und dem Grillwochenende davor." "Nein, da konnte ich es noch nicht. Da war ich noch nicht soweit." erwiderte Sonja. Dann nahm sie ihre Kaffeetasse und setzte sich mit dem Buch auf die Couch. Ein wenig Entspannung und leichte Lektüre vor der Arbeit in der nächsten Therapiesitzung, dachte sie schmunzelnd bei sich und ignorierte die Ansprüche ihres Mannes, der für die Familiengeburtstagsfeier ihr "Funktionieren" fordern wollte. 
Beleidigt machte Erich sich für das Fest fertig. Er wünschte sich im Grunde doch nur, wieder eine schöne Zeit mit seiner Frau zu verbringen. War das denn verwerflich nach der langen Zeit, in der sie sich nur noch vergraben hatte? Ja, er wünschte sich oft, dass alles wieder so wie früher wäre: Seine aktive und hübsche Frau immer an seiner Seite bei vielen Festen, Anlässen und Gelegenheiten. Diese lebenslustige und quirlige Person fehlte ihm. Und wenn er sie so ansah, mit dem Buch in der Hand auf der Couch, spürte er, wie sehr er sie liebte - und wie hilflos er sich fühlte. 

Er ging zu ihr rüber und setzte sich neben sie. Aufmerksam blickte sie zu ihm auf. "Mit fehlt Dein Lachen bei den Treffen. Deine lustigen Einfälle. Du fehlst mir." sagte er traurig. "Was kann ich tun, damit ich UNS wieder erleben kann?" Sonja lächelte: "Gib mir einfach etwas Zeit. Freiraum für eigene Entscheidungen bei solchen Gelegenheiten, damit ich gut auf mich achten kann. Es kostet mich noch immer viel Kraft und Mut, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und dann auch umzusetzen. Ich weiß zu schätzen, dass Du die letzten beiden Jahre für mich da warst - und ich weiß auch, dass Geduld nicht gerade zu Deinen Tugenden zählt." Sie zwinkerte ihm zu. 
Erich nickte. "Dann wünsch ich Dir eine gute Sitzung und danach einen schönen Abend." lächelte er gequält. Grinsend antwortete Sonja: "Den schönen Abend werde ich bestimmt haben. Vorausgesetzt, Du hältst mir auf der Tanzfläche ein Plätzchen frei..."

Die Behandlung von Depressionen braucht Mut und Geduld
Eine gute Therapie unterstützt den Patienten darin, sich besser zu verstehen, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, sich neu zu strukturieren und damit tiefgreifende Veränderungen umzusetzen. Doch eine Therapie ist eine zeitintensive Arbeit an sich selbst, für die es Mut zu Selbstbetrachtung, zum Hinterfragen der eigenen Verhaltensmuster und zu Veränderung ebenso bedarf wie Geduld. Rund 4,1 Millionen Menschen leben in Deutschland mit der Diagnose Depression. Weitere 4,6 Millionen sind an Angst- und Panikstörungen erkrankt. Diese erschreckenden Zahlen nennen jedoch nur die Betroffenen, in deren Umfeld zahlreiche Angehörige und Freunde ebenfalls von der Erkrankung beeinflusst werden. 
Nicht nur der Patient benötigt entsprechend Mut und Geduld, um mit der neuen Situation und den genesungsförderlichen Veränderungen umzugehen, sondern auch die Angehörigen. Im Schatten der Depression haben sich meist vielfältige Verhaltensmuster und Anforderungen an das Gegenüber manifestiert, die es - am besten - gemeinsam zu durchbrechen gilt. Die Angehörigen sollten dabei ihr Anspruchsdenken an das gemeinsame Leben überdenken und durch offene Gespräche sowohl die Bedürfnisse des Erkrankten erfragen, als auch die eigenen kommunizieren. Druck durch Kommentare wie "Du könntest, wenn Du wolltest." ist dabei in den meisten Fällen kontraproduktiv, da hierauf eine Spirale aus Schuldzuweisungen, Zweifeln und Vorwürfen in Gang gesetzt wird. 

Nutzen Sie entsprechend nicht nur Therapiesitzungen für den Erkrankten, sondern sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Therapeuten über Sitzungen unter Einbeziehung des Partners und anderer Angehöriger. Diese Gespräche eignen sich optimal, um die positive Kommunikation zu fördern und durch das erhöhte Verständnis mehr Geduld zu gewinnen.

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