Wenn aus Sorgen eine Krankheit wird

Wenn aus Sorgen eine Krankheit wird

"Aber Du rufst an, wenn Du angekommen bist, oder?" - "Ja, Mama!" Christian verdrehte die Augen. "Ich fahre nur mit meinen Kumpels nach Berlin, nicht nach Timbuktu." "Trotzdem kann auf der Autobahn viel passieren. Da war erst vor ein paar Tagen wieder so ein großer Unfall..." erwiderte Maria zögerlich. "Mama, ich bin 27 Jahre alt. Ich hab schon ein bisschen Fahrerfahrung. Und Tanja bleibt doch mit dem Kleinen bei Dir. Dann hast Du schon genug Beschäftigung. Ich muss jetzt auflegen, sonst fahren die Jungs ohne mich. Habt eine schöne Zeit."
Das mulmige Gefühl blieb. Maria konnte nicht anders. Sie machte sich immer Sorgen. Ihre Gedanken kreisten ständig um ihren Sohn, ihren Enkel und auch um ihre Schwiegertochter, die ihr wie eine eigene Tochter ans Herz gewachsen war. Ihre innere Unruhe war fast schon greifbar, als Tanja gegen Mittag bei ihr eintraf. Die Wangen des Kleinen waren sehr rot. Er war quengelig und äußerst unruhig. "Oh, was hat denn mein Schatz? Bist Du auch so unruhig, weil der Papa weg ist? Merkst Du, Tanja, der Kleine spürt auch, dass was nicht stimmt." Tanja lächelte kurz und widersprach: "Nein, der kleine Mann kriegt Zähnchen. Es ist alles okay. Aber Du bist ziemlich angespannt. Machst Du Dir wieder zu viele Sorgen?"
Maria seufzte. "Es ist doch normal, dass man sich als Mutter Sorgen macht. Seit Anton nicht mehr da ist, hab ich ja nur noch euch." Tanja nickte und setzte einen Tee auf. Sie hatte frische Melisse getrocknet, die Maria hoffentlich ein wenig entspannen würde. "Ja, das mag sein, aber Du machst Dir oft das Leben selbst schwer. Wie willst Du die Zeit mit uns genießen, wenn Du Dir dauernd Sorgen machst, was sein könnte? In letzter Zeit nimmt es überhand. Langsam machst Du uns Sorgen." 
"Wieso macht Ihr Euch Sorgen um mich?" fragte Maria überrascht. "Bin ich blasser als sonst oder ist Euch was anderes aufgefallen?" Lächelnd setzte sich Tanja zu ihrer Schwiegermutter und nahm ihre Hand. "Wir machen uns auch so unsere Gedanken und es ist heute mein Job, mal mit Dir darüber zu reden. Was hältst Du davon, wenn Du am Montag mal mit Deinem Arzt darüber sprichst, dass sich bei Dir inzwischen alles nur noch um die Sorgen dreht? Natürlich ist es normal, dass Du Dir als Mutter Sorgen machst." Sie blickte zu ihrem kleinen Sohn hinüber. 
"Spätestens jetzt, wo der Kleine da ist, kann ich Dich gut verstehen. Aber bei Dir nimmt das inzwischen Züge an, die nicht mehr normal sind. Du machst Dir Sorgen, wenn wir normal zur Arbeit gehen, wenn kleine Entwicklungsschübe bei Jonas ihn unruhig werden lassen oder auch einfach immer dann, wenn wir nicht bei Dir sind und Du uns böse ausgedrückt nicht 'überwachen und beschützen' kannst. Diese Überängstlichkeit solltest Du mal mit dem Arzt klären. Ich kann Dich gerne begleiten."

Jeder macht sich mal Sorgen
Nicht nur bei Müttern können sich alltägliche Sorgen derart manifestieren, dass sich das besorgte Gedankenkarussell in eine Erkrankung verwandelt. Die Angst vor schrecklichen Erlebnissen wird dabei nicht nur in den Mittelpunkt gestellt, sondern intensiv durchlebt, als könne man sich hierdurch auf die potenziellen Folgen und Problematiken vorbereiten. Tatsächlich jedoch steigert sich die Psyche in diese fiktionalen Erlebnisse hinein und entwickelt die Empfindungen, als wären diese echt. 
Diese Sorgenkreisläufe erleben Betroffene nicht nur mental, sondern oft sogar körperlich: Schwitzen, Herzrasen, Zittern bis hin zu Schwächegefühlen, Schwindel und Übelkeit sowie Schlafstörungen können auftreten. Irgendwann beherrschen diese Ängste und Sorgen den ganzen Lebensalltag. Ablenkungen sind nicht mehr möglich und ein Abschalten und Entspannen für die Regeneration bleibt aus. Andererseits führt die stete Sorge, beispielsweise um Angehörige, häufig zu einem Kontrollverhalten, das die zwischenmenschlichen Beziehungen stark strapaziert. Der/Die Betroffene benötigt stetig die Bestätigung, dass seine Sorgen unnötig sind, während er/sie gleichzeitig nach Hinweisen für das Gegenteil sucht. Der Arzt spricht dann von einer generalisierten Angststörung, da die Angst nahezu die vollständige Gedankenwelt einnimmt. 

Angststörungen lassen sich gut behandeln
Angststörungen treten häufig zusammen mit Depressionen auf. In diesen Fällen steht der Arzt vor der Frage, ob die Depression die Primärerkrankung ist, die zu den Ängsten führte oder ob die generalisierte Angststörung als primäre Erkrankung den Mittelpunkt bildet. Ist diese Frage jedoch geklärt, können gezielte Therapiemethoden eingeläutet werden, die gute Erfolge erzielen können. 
Die Verhaltenstherapie bietet individuelle Ansätze, die die Angstproblematik erfassen und durch neu erlernte Verhaltensmuster zur Genesung beitragen. Der Patient lernt Strategien, um mit den Ängsten umzugehen, sich ihnen zu stellen und diese häufig sogar nachhaltig aufzulösen. Die positiven Effekte einer Verhaltenstherapie verringern nicht nur die Symptome und die vorliegenden Einschränkungen, sondern unterstützen den Betroffenen dabei, die Rückfallgefahr zu reduzieren.

Machen Sie sich daher bewusst: Die Sorge um liebe Menschen oder problematische Situationen ist verständlich, darf jedoch nicht den Mittelpunkt in Ihrem Leben bilden. Haben Sie das Gefühl, die Sorgen nicht mehr loslassen zu können, sprechen Sie mit Ihrem Arzt, um durch die modernen Methoden der Therapie wieder zu einem glücklichen Leben ohne Angst zu finden.

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