Männer leiden anders

Männer leiden anders

Krawumm, Klirr, Schepper... Anja zuckte zusammen. Wie ein Schlag mit einem Vorschlaghammer mit dem Zerbrechen vielfältiger Materialien klang der plötzliche Lärm, der aus der Garage zu ihr drang. Hektisch lief sie raus, um sich zu vergewissern, dass ihrem Mann nichts passiert war. "Torben!" rief sie noch im Hinüberlaufen.
Ihr bot sich ein Bild des Grauens und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Die Regalwand schien in sich zusammengebrochen. Überall lagen Werkzeuge herum, einige Gefäße waren zerbrochen. Ihr Mann saß steif und mit starrem Blick dem Regal gegenüber, doch er war offensichtlich unverletzt. Wohl wieder ein Wutanfall.

"Ist Dir was pas...!" "Lass mich einfach in Ruhe und geh!" unterbrach er sie noch bevor sie den Satz zu Ende bringen konnte. "Aber w..." - "GEH EINFACH!" schrie er sie an. Anja holte langsam Luft und ging zögerlich und mit dem Blick zu ihm gewandt rückwärts wieder aus der Garage heraus. Draußen angekommen lehnte sie sich gegen die Wand. Das konnte so nicht weiter gehen. Er musste endlich reden, am Besten mit dem Arzt. Sie machte sich Sorgen um die möglichen Schäden. Nicht um die materiellen wie die paar Pflanzschalen im Regal, sondern darum, dass Torben sich beim nächsten Wutanfall selbst verletzen würde. 
Erst spät am Abend kam Torben zu ihr ins Haus. "Entschuldige." murmelte er frustriert. "Ich hab alles wieder aufgeräumt." Sein trauriger Blick traf auf ihren besorgten. "Ich kann nicht mehr." gab er kleinlaut zu und ließ sich auf den Stuhl fallen. Anja antwortete vorsichtig. "Dann solltest Du morgen mal zu Arzt gehen und mit ihm reden. Du machst Dich nur selbst kaputt, wenn Du weiter Deinen Frust und alles drum herum unterdrückst." Torben blickte unter sich, bevor er nickend zustimmte. Er brauchte Hilfe. Es wurde Zeit, dass er etwas unternahm.

Tabuthema Depression: Echte Männer haben "sowas" nicht
Mehr als zwei Millionen Männer erhalten jedes Jahr die Diagnose Depression. Viele von ihnen zeigen nicht die bekannte Symptomatik mit sichtbarer Traurigkeit und Antriebslosigkeit, sondern kehren die Verhaltensmuster ins Gegenteil: Aggression, Überaktion und der Verlust von Verhältnismäßigkeiten prägen die Situation, durch welche der Mann die Depression zu verleugnen sucht. Exzessiver Sport, Arbeitswut, Risikobereitschaft und übermäßiger Konsum von Genussmitteln wie Alkohol oder gar Drogen können ebenfalls die Folge sein. Sozialer Rückzug aus Sorge vor dem Auffallen mit den eigenen Stimmungsschwankungen bis hin zu Selbstmordgedanken zeigen sich ebenfalls in vielen Fällen.
Häufig steht das männliche Ego der Krankheitserkenntnis einer Depression entgegen. Der (teilweise selbst aufgebaute) Leistungsdruck, Versagensängste und/oder eine seelische Krise (z.B. eine Trennung vom Partner, vom Job, von einem "Lebensinhalt") können jedoch nicht mehr ausgehalten werden. Statt wie die meisten Frauen über ihre Probleme zu reden, sperren Männer die Probleme in sich ein, aus Scham, nicht mehr dem Bild von einem starken stabilen Mann zu entsprechen. So verliert der Patient aufgrund der Verleugnung der Erkrankung oder dem Herausschieben der Hilfeannahme wertvolle Zeit, bis ein Weitermachen nicht mehr möglich ist. 

Verstärkt wird dieser Umstand zudem, wenn die Verdrängung sich durch körperliche Beschwerden entlädt, die den Mann zur Ruhe zwingen: Rücken- und Gelenkschmerzen und Herz-Kreislauf-Probleme gehören hierbei zu den häufigen Beschwerden, die mit dem Stress der unbehandelten Depression einhergehen. 

Spezialisierte Therapiemethoden bei "männlichen" Depressions-Symptomen
Um die Depression beim Mann entsprechend gezielt in den Griff zu bekommen, können versierte Therapeuten passende Maßnahmen ergreifen, die genau auf die vorliegenden Symptome der Erkrankung eingehen. Individuelle Therapiemaßnahmen helfen beim Aggressionsabbau und können neue Wege oder Lösungsstrategien aufzeigen, mit Konflikten, Frust und Unzufriedenheit umzugehen. So kann Sport ebenso ein Teil der Therapie wie Kommunikationstraining, dass dem Mann hilft, aus dem Rückzug und dem Schweigen herauszutreten und seine Bedürfnisse offen mitteilen zu lernen. 

Entdecken auch Sie bei sich die Anzeichen steter Aggression, deren Entstehung und Intensivität Sie sich im Nachhinein oft selbst nur eingeschränkt erklären können? Spüren Sie selbst eine stete Gereiztheit, die eventuell sogar mit körperlichen Symptomen wie Magenschmerzen, Kopf- und Rückenbeschwerden oder Bluthochdruck einhergeht? Dann sprechen Sie mit dem Arzt Ihres Vertrauens über das potenzielle Vorliegen von Depressionen. Bedenken Sie dabei, dass die Erkrankung keine Schwäche ist, jedoch die Auseinandersetzung mit der Gesundheitsproblematik eine echte Stärke darstellt. 

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